Schnauze Chef

Holger Bröer
Bröer & Partner GmbH & Co. KG

Ich Chef, Du Schnauze.

So oder so ähnlich soll es vor gar nicht allzu langer Zeit in manchen Unternehmen funktioniert haben. Ausgesprochen oder unausgesprochen war das, das Gesetz. Der Chef, der BOSS hatte das Sagen und alle anderen haben funktioniert. Haben das gemacht, was der da oben gesagt hat. Das war tatsächlich vor nicht allzu langer Zeit so. Noch in den späten 1980er und 90er Jahren stellte kaum ein Mitarbeiter seinen BOSS in Frage.

Später dann, als Arbeitsplätze reichlich vorhanden waren, nur die Anzahl der qualifizierten Kandidaten ausblieb, da kamen die Feel-Good-Manager auf lustige Ideen.

Mitarbeiter-Bindungs-Programme statt, wir zahlen deinen Bausparvertrag. Da wurden plötzlich hastig gekaufte aufblasbare Planschbecken auf das Dach des Büros in Berlin-Mitte aufgestellt. Kicker und Flipper zogen in die Büros ein. Die ungesunden Schokoriegel wichen dem Obstkorb. Hemden wurden gebügelt und das Gym bezahlt.

Und weil das Kind ja einen Namen braucht, nennen wir es einfach NewWork. Oder auch: „Schnauze Chef.“

Corona war gerade vorbei. Also, für vorbei erklärt. Bei der Deutschen Bahn gabs noch die Maskenpflicht. Ich kam in Hamburg an. Das Wetter war für Hamburger Verhältnisse tatsächlich schön. Ein Konzern hat mich für 12 Monate gebucht. Die Aufgabe: 30 Sales trainieren. Schwerpunkt Outbound Telefonie. Kunden holen und halten. Der Konzern ist etabliert. Kein Start-up, aber auch keine 1970er-Strukturen. Es gibt schallisolierte Telefonboxen. Sitzecken, die obligatorische teure Kaffeemaschine. Eine Küche für kollektives Frühstück und die typische „DU-Kultur“ als Anrede, wenn man sich auf den Fluren mit einer Tasse Kaffee entgegenkommt. Der Chef irgendwo dazwischen im Großraumbüro. An den Wänden übergroße Monitore, die die Performance jedes Mitarbeiters zeigen. Früher gab es die Karteikästen. Dann der Widerstand der Mitarbeiter gegen ein CRM, a la „Big Brother is watching you“. Heute juckt das kaum noch jemanden, ob seine Leistung oder eben die nicht vorhandene Performance über den Bildschirm flackert.

Warum eigentlich nicht? Warum stört es kaum jemanden, ob er seine Ziele erreicht oder wie seine Performance ist? Und warum hat der Chef Sendepause?

Die Teilnehmer sind ein wunderbarer und bunter Querschnitt durch die SALES-Landschaft. Junge Kollegen, die nach der Ausbildung im Unternehmen bleiben, um sich die ersten Orden zu verdienen. Menschen, die seit 20 Jahren im Unternehmen sind und sich Bulletproof und ausgelernt fühlen.

Holger Bröer

Sales aus der Gen X,Y,Z mit Skinny Jeans, Markenklamotten und E-Zigarette. Wieder andere, die klar und deutlich zeigen und sagen, das hier ist nur ein Job. Ich will meinen Kühlschrank voll kriegen. Was alle verbindet, ist eine gewisse Arroganz dem Job gegenüber und eine Sehnsucht nach Anerkennung & Wertschätzung.

Logisch, der aktuelle Arbeitsmarkt suggeriert ein Überangebot an Jobs und Möglichkeiten. Gleichzeitig werden Mitarbeiter, Fachkräfte, Profis und auch völlig ungelernte Mitarbeiter gesucht bzw. falsch angelockt.

Das und noch viel mehr Stilblüten führen zu eben dieser positiven Arroganz, eigentlich einer totalen Fehleinschätzung, wie Unternehmen tatsächlich funktionieren müssen. Und die Arbeitgeber gießen weiterhin Öl ins Feuer. Social Media Anzeigen, die eindeutig sagen: „Bewirb Dich OHNE Vorkenntnisse, ohne Unterlagen in nur 60 Sekunden, bei einem erstklassigen Onboarding, 30 Tagen Urlaub und hohen Provisionen.“

Wie Paradox das ist, zeigt Folgendes: Wenn wir jedem, der sich für qualifiziert hält, einen weißen Kittel geben, ein Skalpell in die Hand drücken und sagen: „Hey viel Spaß, schön, dass du jetzt bei uns bist. Probier einfach mal dein Glück und operiere am offenen Herzen.“

Der Chef wird zum Bettler und Bittsteller. Die Manager sind fachlich degradiert. Nur damit Menschen in die Unternehmen kommen. In die Firma, in die Gastronomie. Alle halten den Mund, niemand sagt mehr etwas, darf etwas sagen. Der neue Mitarbeiter, der seine abstrusen Forderungen natürlich bekommen hat, der gibt den Ton und Takt an. Kein Einzelfall.

In meinem Fall hörte ich auf dem Flurfunk des Öfteren Menschen sagen: „Hey, wenn das so weitergeht, dann bin ich weg. Mein Kunde fragt schon ständig, ob ich nicht zu ihm will. Neulich fragte mich mein Chef hier sogar, was ich machen würde und ob denn mal wieder Umsatz käme.“

In diesen Tagen ist es, zumindest für die Unternehmen in der westlichen Hemisphäre, ein Drahtseilakt. Ein Eiertanz zwischen, ich brauche qualifiziertes Personal, ich muss meine Mitarbeiter aber auch nach Umsatz und Einsatz fragen dürfen. Auf der anderen Seite, lieber die Schnauze halten, sonst rennen die mir, für ein paar Euro mehr, noch zum Wettbewerb. Dann kriege ich wieder niemanden.

Drei Lösungen, die ich nach 35 Jahren und hunderten von Trainings sehe:

1) Der Schlüssel zum Erfolg für jedes Unternehmen und der Schlüssel zur passenden Karriere des neuen Mitarbeiters liegt in der Klarheit, Wahrheit und Transparenz der Einstellungsgespräche.

2) Es macht unglaublich viel Sinn, mit Prämien, Boni, Provisionen und Entwicklungsprogrammen zu arbeiten, die zu einem Großteil an die Ergebnisse und Leistungen geknüpft sind. Zum anderen an dem Willen zu positiven, persönlichen Weiterentwicklung.

3) Die Illusion, dass es mehr Häuptlinge als Indianer gibt, ist eine wirtschaftliche Illusion. Es gibt Manager und es gibt Mitarbeiter. Und daran ist aber auch rein gar nichts falsch oder verkehrt. Das muss nicht glattgebügelt werden, weil jeder meint, er hat Burnout oder andere meinen, Chef spielen ist einfach. Entwickeln darf und muss sich jeder. Allerdings nach Eignung und Neigung.

Von Freibeutern und Ruderknechten

Innenarchitketur: Mensch, Raum, Führung

Recruitingpotenzial auf YouTube

Die beste Präsentation? Ein Gespräch!

Recruiting 4.0